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Fluidtechniklehre – die Branche zeigt Engagement

Fluidtechniklehre – die Branche zeigt Engagement

Die Bedeutung von Hydraulik und Pneumatik in industriellen Anwendungen ist ungebrochen. Ingenieure entwickeln immer leistungsfähigere Geräte und Systeme für unterschiedlichste Anwendungen. Probleme gibt es allerdings mit der Ausbildung. Der VDMA-Fachverband Fluidtechnik hat dies erkannt und eine Strategiegruppe Bildungswesen ins Leben gerufen und die Situation an Hochschulen in Deutschland analysiert.

Fluidtechnische Lösungen spielen millionenfach ihre Stärke in den Anlagen und Systemen des Maschinenbaus sowie in mobilen Maschinen aus. Ihre Vorteile sind beispielsweise Flexibilität, Robustheit, kleiner Bauraum, hohe Leistungsdichte, lange Lebensdauer und – auch wenn dies in der öffentlichen Wahrnehmung nicht immer präsent ist – eine gute Energieeffizienz von intelligent entwickelten Lösungen. Die moderne Fluidtechnik als Antriebstechnologie braucht den Vergleich mit der Elektromechanik nicht zu scheuen. Es ist davon auszugehen, dass die Fluidtechnik auf lange Sicht in Applikationen wie Baumaschinen, Tunnelbau, Medizintechnik, Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Automatisierungs- und Prozesstechnik oder Pressen nicht vollständig substituierbar ist.

Fachpersonal ist begehrt, aber rar
Diametral entgegengesetzt dazu entwickelt sich allerdings das Bild bei der Qualifizierung des Nachwuchses. An deutschen Hochschulen (Hochschulen für angewandte Wissenschaften und Universitäten) finden fluidtechnische Vorlesungen gefühlt immer seltener statt und viele Professoren und Lehrbeauftragte scheiden ohne eine Nachfolge aus dem Lehrbetrieb aus. Diese Situation führt zu zwei gleichermaßen nachteiligen Erscheinungen: Erstens können die Fluidtechnikfirmen auf weniger qualifiziertes, aber dringend benötigtes, Fachpersonal zugreifen; oft müssen neue Mitarbeiter hausintern nachgeschult werden. Andererseits fehlen bei den OEMs und Kunden qualifizierte Ingenieure, die verschiedene Technologien kompetent vergleichen, bewerten und die anwendungsspezifisch beste Lösung aus technischer und gerade auch wirtschaftlicher Sicht (z.B. hinsichtlich TCO) einsetzen können.

Strategiegruppe Bildungswesen
Gerade Fluidtechnikfirmen haben diese Tendenz schon länger erkannt und versuchen, durch Kooperationen, duale Studienangebote und der Delegation von Lehrbeauftragten, Erfolge zu erzielen. Zudem gilt es, in der Lehre und Forschung neue interdisziplinäre Ansätze zu verfolgen, z.B. in der Steuerungs- und Regeltechnik, Mechatronik und durch die vermehrte Integration von Informationstechnik.
Der Vorstand des VDMA-Fachverbands Fluidtechnik hat daher die Strategiegruppe ‚Bildungswesen‘ ins Leben gerufen. Die Intention ist, ein objektives und transparentes Bild über den Istzustand zu generieren, die gegenseitigen Erwartungen und Anforderungen von Industrie und Hochschulen zu formulieren und neue Wege der Zusammenarbeit und Unterstützung durch die Industrie zu etablieren.

Analyse des Status Quo
Wie es um die Qualifizierung des dringend benötigten Nachwuchses steht, wurde in der 2020 durchgeführten Erststudie „Hochschullandkarte Fluidtechnik“ deutlich. In dieser Analyse wurde ermittelt, wer sich an deutschen Hochschulen mit Themen der Hydraulik, Pneumatik und Dichtungstechnik befasst und wie die konkrete Wissensvermittlung umgesetzt wird, z.B. Form und Art der Vorlesungen, Labore, Praktika, etc. In einer explorativen Internetrecherche wurden zunächst rund 200 Institute ermittelt, die laut Eigenbeschreibung Themen der Hydraulik, Pneumatik, Dichtungstechnik, Turbo- und Arbeitsmaschinen, Strömungsmechanik, Fluide, etc. führen. Diese Liste wurde nach festgelegten Kriterien konkretisiert und reduziert – ca. 80 Institute können demnach der Fluidtechnik zugeordnet werden.

Fluidtechnische Uni-Angebote nicht zufriedenstellend
In einer im Auftrag des Fachverbands Fluidtechnik zeitlich parallel durchgeführten Pilotstudie wurde Umfang, Inhalte sowie Art und Weise der Fluidtechnikvorlesungen in Baden-Württemberg analysiert. Bestätigt wurde dabei die grundsätzlich bereits erkannte Schwierigkeit, die unterschiedlichen Angebote zu identifizieren und zu differenzieren, da es keine standardisierte Beschreibung und Ausweisung von Inhalten und Vorlesungen gibt. Beispielsweise werden Themen der Fluidtechnik oft in Vorlesungen und Modulen der Strömungslehre, Physik oder Thermodynamik angeboten. Zudem sind Vorlesungen oft Teil von sogenannten „Wahlcontainern“, innerhalb derer verschiedene Fächer miteinander konkurrieren und nur die Angebote mit der größten Hörerzahl tatsächlich stattfinden. Das heißt es wird nicht alles gelehrt, was angeboten wird. Bei den Lehrveranstaltungen muss außerdem zwischen Universitäten und anwendungsorientierten Hochschulen unterschieden werden: trotz der vielzitierten Freiheit von Forschung und Lehre haben Hochschulprofessoren mit Restriktionen zu kämpfen. Angesichts gedeckelter Rahmen und weitestgehend vorbestimmter Inhalte haben sie oft wenig Freiheitsgrade bei der Aufnahme neuer Vorlesungen und müssen im Gegenteil darum kämpfen, ihre Angebote zu behalten. Aufgrund der höheren Studentenzahl und den dadurch zustande kommenden Mindesthörerzahlen auch für Nicht-Mainstream-Fächer haben die Universitäten mehr Spielraum und können Wahlfächer vergleichsweise frei anbieten.
Als Studienergebnis ist festzuhalten, dass die an der Zahl der handelnden Personen gemessene Verfügbarkeit, die an der Literatur gemessene Aktualität und der an den Semesterwochenstunden gemessene Umfang der fluidtechnischen Angebote an deutschen Hochschulen als nicht zufriedenstellend bewertet werden muss.

Industrie will Zusammenarbeit verstärken
Wichtig zur Verbesserung der Ausbildung und der Kooperation Industrie-Hochschulen ist ein gemeinsamer Dialog. Die Industrie muss ihre Erwartungen und ihren Bedarf an die Hochschulen kommunizieren und umgekehrt.
Dazu fand Anfang 2021 ein Treffen der Strategiegruppe ‚Bildungswesen‘ mit ausgewählten repräsentativen Vertretern der Hochschulen und gewerblicher Weiterbildungseinrichtungen statt. In diesem Rahmen stellte die Strategiegruppe das Konzept eines Lastenheftes für die Lehre vor. Beschrieben werden aus Sicht der Industrie die Erwartungen an Lehrinhalte der Hydraulik, Pneumatik und Dichtungstechnik inklusive Themen aus der IT, Steuerungs- und Regelungstechnik und Mechatronik. Die Vertreter der Hochschulen begrüßten diese Initiative und boten ihrerseits an, die Lastenheftinhalte schon im Entwurfsstadium mit den eigenen Vorlesungen, Skripten und Übungen zu spiegeln und wo möglich Anpassungen vorzunehmen.

Selbstverständlich muss im Gegenzug erfasst werden, welche konkreten Erwartungen und Bedarfe die Hochschulen an die Industrie haben. Konkreter Bedarf könnte bspw. bei der Entsendung von Lehrbeauftragten, der Überlassung von Exponaten oder dem Angebot von Exkursionen bestehen. Interessante und praxisnahe Themen machen die Veranstaltungen attraktiver und tragen dazu bei – auchörter aufgrund größerer Zuhörerzahlen – die Fluidtechnik in den Hochschul-Lehrplänen fester zu verankern.
Natürlich sind auch die Analyse und Verbesserung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in diesem Zusammenhang wichtig. Fachkräften fehlen oftmals die elementaren Grundlagen und das Verständnis für die Fluidtechnik. Die Nachschulung der Mitarbeiter übernehmen oft konzerneigene oder gewerbliche Aus- und Fortbildungseinrichtungen. Man hat sich darauf verständigt, im ersten Schritt nur auf die Ausbildung an den Hochschulen zu fokussieren. Erste Ergebnisse der Strategiegruppe Bildungswesen werden auf der kommenden Mitgliederversammlung des VDMA-Fachverbandes Fluidtechnik im November 2021 vorgestellt.

Quelle: VDMA Bild: adobe stock

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